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Philipp Poisel: „Ich will nicht nur gefühlvoll, sondern auch mal rücksichtslos sein.“

Philipp Poisel: „Ich will nicht nur gefühlvoll, sondern auch mal rücksichtslos sein.“

Philipp Poisel ist bekannt für gefühlvolle Balladen mit deutschen Texten, die vor allem gerne in Castingshows gesungen werden – und daraufhin die Charts stürmen. Doch jetzt war es lange still um ihn. Ganze sieben Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung des letzten Albums und dem aktuellen, Mein Amerika. Was er in dieser – für die Musikindustrie unendlich langen – Zeit getrieben hat und warum er für die Aufnahmen in die USA ging, hat er im Interview verraten.

Hallo Philipp! Du hast eine längere Pause gemacht. Was hast du gemacht, womit hast du dich beschäftigt?
Philipp:
Was mir als Erstes einfällt, ist natürlich die Reise nach Amerika, die ich gemacht hab, um mein Album aufzunehmen. Und in der Zeit davor hab ich’s mir, glaube ich, relativ gemütlich gemacht: Ich war viel zu Hause, ich bin viel Fahrrad gefahren und hab eigentlich in meinem allerkleinsten Umfeld gelebt, ohne große Ambitionen rauszugehen – fast wie in einer Höhle, in der man es sich gemütlich eingerichtet hat. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt hab; jetzt sollte vielleicht wieder etwas passieren.

Was hat sich bei Dir in letzter Zeit verändert?
Philipp: Das ist unheimlich gewachsen, glaube ich, mein Umfeld auch. Von jemandem, der mit der Gitarre am Lagerfeuer saß und angefangen hat, Songs zu schreiben, über MySpace, wo ich mir erste eigene Auftritte organisiert hab, bis heute, wo ich kurz vor einer Arena Tour stehe, wo ich selber noch nicht genau weiß, wie ich das überhaupt einordnen soll. Das scheint ein großer Sprung zu sein.

Wie kam es, dass Du nach Nashville gegangen bist um dein neues Album Mein Amerika aufzunehmen?
Philipp: Mit meinem musikalischen Erfolg kan auf einmal die finanzielle Möglichkeit dazu, einen Trip nach Amerika zu machen und dort ein Album aufzunehmen. In meiner Fantasie hatte das alles eine viel größere Dimension und war spektakulärer. Ich habe mir eigentlich gewünscht, in den Momenten, wo wir in größeren Hallen gespielt hatten, da anzuknüpfen, daraus etwas zu machen. Also, diese große Halle nicht als anonym zu betrachten, sondern ich habe mir die Frage gestellt: „Schaffe ich es auch in einer so großen Halle, in einer so großen Dimension, etwas zu bewegen auf irgendeine Art und Weise?“ Ich habe bei den Soundchecks in den größeren Hallen meine Stimme gehört und die klang ganz anders als bei mir im Zimmer, wo ich meine Songs aufgenommen habe oder in kleineren Clubs. Da hat mich die Vorstellung und der Wunsch, in einer Rockband zu sein, gepackt. Auch mal eine andere Seite zu zeigen, wo man schreit und laut ist und wo man nicht nur gefühlvoll, sondern auch mal rücksichtslos ist – in einem Rahmen, der einem das erlaubt. Da wo ich aufgewachsen bin und wo sich mein Stil geprägt hat, unter dem Dachboden meiner Eltern, musste ich immer leise sein und meine Musik war ein Störfaktor, zu Beginn zumindest. Mal frei zu sein, mal so laut zu singen, wie man will, irgendwo, wo man nicht stört, sondern da, wo das auch hingehört, wo Leute auch kommen, um genau das Gefühl mitzuerleben, den Wunsch hatte ich. Und dann ging es Schlag auf Schlag: es wurde organisiert, wir sind nach Amerika gefahren und ich kam in meiner Gedanken- und Seelenwelt gar nicht richtig mit. Ich werde, glaube ich, noch Jahre brauchen, zu verarbeiten, was da überhaupt passiert ist.

Amerika ist auch im Titel deines Albums.
Philipp: Ich war in Amerika und hab dann, damit ich mich später auch daran erinnern kann, immer alles angefasst, weil ich es nicht glauben konnte. Es ging alles so schnell, schneller, als ich selber sein kann oder vielleicht auch sein möchte. Vielleicht ist dieses Amerika auch nur ein Anfang, vielleicht gibt’s noch mal ein Amerika-Album, vielleicht kommt das richtige Amerika Album. Ich habe mit dem Albumtitel ja gehadert, weil diese Idee, dieses Projekt „Mein Amerika“ stammt schon von mir, ist schon mein Wunsch, aber ich hab das Gefühl, vielleicht ist es noch gar nicht fertig und vielleicht geht es auch über mehrere Jahre, mehrere Alben sogar.

 

Deine Texte sind auf dem neuen Album anders, du arbeitest mit Metaphern und Bildern, die man nicht immer nachvollziehen kann. Worin liegt die Veränderung?
Philipp: Manche Texte kommen unterbewusst, sind so eine Art Blindtext, sie entstehen im Moment, wo ich gar nicht darüber nachdenke, und da sind Wortkreationen dabei, die ich mir später anschaue wie ein Zuhörer. Was ich wollte, ist kein Projekt Seerosenteich mehr zu machen. Ich glaube, rein intellektuell habe ich da keinen Sinn gesehen, selbst wenn ich Lust nach ein bisschen Geborgenheit hätte, habe ich selber von mir erwartet, mich nicht zu wiederholen. Wo sind noch unbeschrittene Wege, wo sind noch andere Wünsche, andere Seiten von mir, wo ich noch nicht war… Was gibt es noch? Was kann man noch ausprobieren? Ja, sehr überlegt, fast berechnend, fast kalkuliert. Ich glaube, dass dieser Schritt, dass die Musik für mich zur Existenz geworden ist, und ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne und von dort aus es mache und einen Hafen habe, da hat auch eine Verlagerung in meinem Leben stattgefunden.

Deine Band klingt jetzt auch präsenter.
Philipp: Im Vergleich zu den Alben davor, wo ich mich, sag ich mal, hauptverantwortlich für die Handschrift gefühlt habe, wollte ich dieses Mal auch die Band mehr reinholen. Weil für mich zu diesem Rockstar und Band-Ding auch dazu gehört, dass die Band sich auch beteiligt.

Deine anstehende Tour bringt Dich in große Arenen. Welche Erfahrungen hast Du bis jetzt bei großen Konzerten mit deiner Musik gemacht, die überwiegend leise ist?
Philipp: Witzigerweise war alles im Fluss, ich habe es auch nie hinterfragt. Dieser Moment, wie jetzt, wo ich mich frage: „Schaff ich das überhaupt, auch für mich ein befriedigendes Erlebnis auf die Beine zu stellen in der Arena?“ hatte ich in dem Moment nicht. Ich sag mal, dieses Erbe, diese Songs, die es schon gibt, und auch die Fans, die zum Konzert gehören, und nicht nur, was wir auf der Bühne machen, sondern auch die Leute, die da sind. Da wünsche ich mir und hoffe, dass die da sein werden. Davon hängt viel ab, da bin ich nicht der Einzige, der die Situation kontrolliert. Das ist so groß, dass ich nicht genau weiß, was passiert. Wie viele Leute sind denn da, wer kennt schon die Lieder und wer nicht? Es ist auch eine Frage, hat man da Freude dran in dem Moment und will man sich in dem Moment auch darauf einlassen? Dann ist es vielleicht gar nicht so wichtig, ob es laut ist oder leise. Es hat auch für mich selber noch etwas Unbekanntes.

Deine Lieder werden gerne bei den Casting Shows gesungen. So kam zum Beispiel Wie soll ein Mensch das ertragen nach einer Casting Show auf Platz 5 der Charts. Ist das ein neuer Blick auf deine Songs?
Philipp: Ich habe es zur Kenntnis genommen und ich habe mich darüber auch gefreut, dass ich mich selber dieser Situation nicht aussetzen brauche und dass meine Musik trotzdem diesen Weg findet zu einer breiteren Masse. Vielleicht wäre ich selber auch gerne mal hingegangen. Ich war ja nie in einer Fernsehshow.

Danke für deine Zeit Philipp und viel Erfolg mit dem neuen Album!

Wer den sympathischen Singer-Songwriter live erleben möchte, hat übrigens Anfang April die Möglichkeit dazu! Da kommt er in die Wiener Stadthalle – und wir verlosen 2×2 Tickets! Alle Infos hier.

Photo: (c) Christoph Köstlin

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