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Anchorage: „Die Qualität von Musik wird an Klicks gemessen.“

Anchorage: „Die Qualität von Musik wird an Klicks gemessen.“

Vor Kurzem habe ich mich mit der Band Anchorage im Café Westend getroffen. Einer Band aus Wien, die bis heute noch nichts veröffentlicht hat. „Heute“ lautet das Stichwort. Denn seit heute gibt es ihr erstes Video A Voice Within zu sehen. Doch über was redet man mit einer Band, von der man kein einziges Lied kennt, auf keinem ihrer Konzerte war? Über Musik. Über das Internet. Über Myspace. Anchorage haben zwar noch nicht viel erlebt. Ihre Mitglieder aber schon. Songwriter und Gitarrist Chris ist mit seiner vorigen Band, The Gogets, bis nach Russland getourt. Bassist Kenny war mit seiner Band Kaiser Franz Josef bei Sony Music unter Vertrag.

Chris und ich bestellen uns ein Bier. Wir klären mal die Fronten. Anchorage ist eine Hardcore Band. Oder besser gesagt, Metalcore. Das hören sie aber nicht so gerne, denn eigentlich kämen sie aus der Hardcorepunk Ecke. Aber generell ist es ihnen egal, welchen Stempel sie aufgedrückt bekommen. Mir auch. Aber ich frage mich, wieso man von Anchorage so wenig hört, obwohl es die Band seit über zwei Jahren gibt.

 

Eure Band Anchorage gibt es jetzt schon seit Längerem – ihr habt aber noch nichts veröffentlicht und erst wenig Konzerte gespielt. Wie kommt das?
C: Wir hatten vor ca. zwei Jahren unsere erste Show im Bach. Das war super. Gleich ausverkauft. Wir haben während der Show gemerkt, dass das Line-Up der Band nicht passt. Wir haben zwar nicht gestritten, aber es hat nicht gefunkt. Dann waren wir ohne Sänger. Und dann find mal einen Sänger, der zu deiner Band passt. Wir waren auch recht picky. Wir wollten niemanden, der nur tief grölt. Wir wollten niemanden, der sich anhört wie ein abgestochenes Hendl. Dann haben wir gesagt: Ok. Keiner wartet auf uns, wir haben Zeit. Warten wir, bis der Richtige auftaucht.

Ihr habt auch ca. vor zwei Jahren einen Teaser für einen Song rausgeworfen, den ihr immer noch nicht veröffentlicht habt. Wieso?
C: Ja das hat mit eben diesem Tiefschlaf der Band zu tun. Es hat ewig gedauert, bis wir einen Sänger gefunden haben. Die Nummer, die wir damals angeteasert haben, kommt aber jetzt raus. Um genau zu sein, genau jetzt:

 

Seit September spielt ihr wieder live. Wie funktioniert das, wenn sich der Veranstalter nichts von euch anhören kann?
C: Man muss Leute kennen. Dadurch viele von uns vorher schon in Bands gespielt haben, ging das. Diese Leute müssen Vertrauen in dich haben. Wir hatten Shows im Outback Wolkersdorf, in Amstetten, im alten Schlachthof Hollabrunn. Orte, die für uns wie ein zweites Wohnzimmer sind, oder wir jemanden kennen. Aber irgendwann ist die Liste der Leute, die einen einfach so buchen, erschöpft. Da braucht man dann etwas zum Herzeigen. Ein Video. Ohne Video bist du heutzutage kaum existent.

Ohne Video oder ohne MP3?
C: Früher war es das MP3 auf Myspace. Jetzt ist es das Video, finde ich. Du musst irgendwas auf Facebook teilen können. Das ist bei einem MP3 ein bisschen komisch. Ein Video ist halt auch ein Aufwand. Du butterst viel Kohle und Anstrengung rein. Dann schauen sich das die Leute einmal für den Eindruck an. Entweder finden sie es dann gut und lassen es im Hintergrund laufen. Oder schauen es eben nur einmal. Es gibt natürlich auch genug Bands, die ohne Video auskommen. Die Bandcamp-Szene ist super, finde ich. Aber die meisten Leute wollen einen Youtube Link.

Geht es eigentlich um das Video an sich oder um die Views?
C: Ja, es geht gar nicht so um das Dateiformat. Sondern um Klicks, Likes oder Views. Das ist irgendwie schade, aber die Qualität einer Band wird irgendwie an Klicks gemessen. Das war auch schon bei Myspace so. Es vereinfacht das Ganze für die Menschen. Du hast eine Heuristik, einfach einen quantifizierbaren Wert, eine Zahl. Etwas anhören bedarf viel mehr Gehirnressourcen und Zeit.

Mittlerweile ist Bassist Kenny auch dazugestoßen und steigt ins Gespräch ein.

Also hat das Internet einen Haufen schlechte Entwicklungen mit sich gebracht?
Kenny: Nein, Nein. Durch das Internet ist es auch einfacher geworden. Bands können schneller Bekanntheit erlangen, Sachen ankündigen oder sich vorstellen. Auf der anderen Seite hat es aber auch etwas für die Fans bewirkt. Es gibt einen Overload. Es ist einfach sehr viel da. Oft bekommen Bands gar keine Chance mehr. Die Leute hören zehn Sekunden rein, und wenn es nicht sofort klickt, geht es weiter. Denn die nächste Band wartet ja schon. Aber generell ist es schon super, wie sich das durchs Internet entwickelt hat. Welche Möglichkeiten es gibt. Ich bin früher extra in ein Internetcafé gegangen, um auf Myspace Musik zu hören.

Habt ihr dann eigentlich vor ein Album aufzunehmen oder wollt ihr nur ein Video releasen?
C: Wir hätten uns gedacht, weil es einfacher zu planen und zu finanzieren ist, dass wir einen Song nach dem anderen raus schießen. Wir wollen vor allem auch Konzerte spielen. Irgendwann können wir dann eine EP oder ein Album releasen. Das ist uns momentan nicht so wichtig. Die Leute picken sich eh die Songs raus, die ihnen gefallen und ein Album aufnehmen ist nicht günstig.

Anchorage

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Aber ist ein Album dann überhaupt notwendig für Bands?
K: Ein Album ist etwas Schönes. Sowohl für den Künstler als auch für den Fan ist ein Album etwas Schönes. Etwas Schönes, das man in der Hand halten kann. Aber wenn du wen triffst, fragt er dich normal, ob er sich etwas auf Youtube anhören kann. Die Frage „Hast du ein Album dabei?“ habe ich noch nie gehört.
C: Ein Album erzählt eine Geschichte. Da gibt es zum Beispiel die Vinylliebhaber. Die wollen alles haben. Artwork, Platte, etc. Und dann gibt es die, die Nummern hören und alles weiterklicken, was im ersten Moment nicht klickt. Die Relevanz hat sich glaube ich einfach verschoben.

Kenny, du hattest mit deiner letzten Band Kaiser Franz Josef mit Major Labels zu tun. Hilft das?
K: Wenn du ein Majorlabel hast, hast du den Vorteil, dass du nicht so große finanzielle Probleme hast. Dafür musst du Geld abgeben. Was oft ein Problem sein kann, ist, dass die entscheiden, wie viel und welche Promo sie machen. Wenn sie zu wenig machen, schaust du halt durch die Finger.
C: Ein ganz gutes Beispiel ist die Band Turbobier. Die hatten einen Deal mit Warner Music. Für das zweite Album haben sie dann selbst ein Label gegründet und sind mit dem Album Platz 1 in den österreichischen Charts geworden. Es ist also nicht zwingend nötig, aber alles hat seine Vor- und Nachteile.

Und kleine Labels? Macht das Sinn?
K: Ich denke, da zieht man mehr an einem Strang. Dass da eine bessere Zusammenarbeit herrscht.
C: Das kann man nicht pauschalisieren. Es gibt Bands, die alles selbst machen. Manche brauchen Hilfe. Da kann das sicher super sein. Aufgefallen ist mir, dass Logos von Labels fast wie ein „trusted Shop“-Zertifikat beim Online Shopping ist. Quasi ein Stempel, den jemand draufgibt und damit sagt: Das ist gut. Ich bürge dafür. Das kann manchmal schon helfen. Ich würde sagen, dass das Ganze rundherum, Klicks, Labels, Videos 30% von einer Band ausmachen. Der Rest ist die Musik.

Jetzt haben wir sehr viel über Business gesprochen. Geht es euch auch um Klicks?
C: Nein, um die Musik. Wenn es einem nicht um die Musik geht, kommt nichts Gutes dabei raus. Auch wenn der ganze Kram drum herum mühsam klingt, zahlt es sich aus.
K: Bei mir geht es um die Melodien. Die entscheiden, was ich fühle. Daher mag ich auch Instrumental Bands ganz gerne. Weil ich mir selbst aussuchen kann, was der Text wäre. Was ich fühle. Der Autor kann es aus Glücksgefühlen heraus geschrieben haben. Ich kann es mit einem traurigen Moment verbinden und höre dann den Song, wenn ich traurig bin, obwohl der Autor glücklich war.

Ein gutes Ende. Da haben wir aber ordentlich ausgeschweift. Danke für eure Zeit und wir sehen uns bei der nächsten Anchorage-Show.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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